Realitätsverlust

Nach der Beschlussfassung der Ministerpräsidentenkonferenz vom 07.01.2022 halten Bundeskanzler Scholz und die Länderchefs "eine allgemeine Impfpflicht für nötig" (Vergl. Punkt 10), um eine noch höhere Impfquote zu erreichen.

Sie wünschen sich für das ganze Land so hohe Impfquoten wie in Bremen, wo ca. 88 % der Bevölkerung (Stand 10.01.) mindestens einmal geimpft sind. Zugleich gibt es hier mit einem aktuellen Wert über 1000, die bundesweit höchste 7-Tage-Inzidenz, was die bisherige Impfstrategie deutlich in Frage stellt. 

Bei der Bilanzierung in der Ministerpräsidentenkonferenz spielt diese Tatsache aber keine Rolle. Unbekümmert stellt man fest: "Die von Bund und Ländern beschlossenen Maßnahmen wirken". 

Die Impfung der 5- bis 11-jährigen ist dabei ein ganz besonderes Anliegen. Am 06.01. begibt sich die sächsische Sozialministerin Frau Köpping höchstpersönlich in die Gellertstadt Hainichen, um sich hier ein Bild vom Impffortschritt der Kinder zu machen. Korrekt maskiert lassen sich die Sozialministerin, der Landrat Matthias Damm und der Bürgermeister Dieter Greysinger zusammen mit der besorgten  Kinderärztin Andrea Pötzsch vom MDR ablichten. Für Freitag (07.01.) sind ca. 12 Kinder der betreffenden Altersgruppe von ihren Eltern für die Impfung angemeldet worden. Der "Impfstart in dieser Altersgruppe sei etwas schleppend", beklagt die Kinderärztin im Gespräch. 

Dass von der Expertenrunde der ständigen Impfkommission (STIKO) mit einer über 30-seitigen Begründung keine allgemeine Impfempfehlung für 5- bis 11-jährige Kinder ausgesprochen wird (Seite 26, Absatz 3), scheint in dieser Runde niemanden zu stören.   

Szenenwechsel: 

Unter dem Motto "Wir sind mehr" berichtet die Osnabrücker Zeitung über eine Pro-Impfen-Demo vom 08.01. in Osnabrück, die aus 800 sorgfältig maskierten, vermutlich bereits geimpften Demonstranten bestand. Obwohl, wie die Zeitung schreibt, Vertreter "aus allen Teilen der Gesellschaft" anwesend gewesen seien, konnte die anvisierte Zahl von 1500 angemeldeten Demonstranten nicht erreicht werden. 

Trotzdem sucht man heldenmütig den Vergleich mit den Teilnehmenden regierungskritischer Anti-Corona-Demonstrationen, bei denen Zehntausende regelmäßig durch deutsche Innenstädte "spazieren". Nicht minder überrascht das Ergebnis des Vergleichs; denn unter Hinzunahme "der schweigenden Mehrheit" wird eine eindeutige Überlegenheit ausgemacht.

Mit Wunschdenken kommen wir allerdings nicht weiter in unserem Land! Die politische Realität ist längst auf Deutschlands Straßen angekommen. Die Erfolgsbilanz der politisch Verantwortlichen in der Pandemiebekämpfung ist verheerend. Der Totalausfall einer kritischen Medienberichterstattung geradezu unglaublich. Dass diese Akteure das nicht wahrhaben wollen, zeigt nur das fortgeschrittene Stadium der Diagnose: Realitätsverlust!

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